Der Begriff „Volkskanzler“ wurde in den 1930er Jahren zur propagandistischen Inszenierung Adolf Hitlers verwendet. Seit 2023 erscheint er erneut im österreichischen politischen Diskurs. Aufgrund seiner historischen Belastung und seiner Nähe zu autoritären Vorstellungen einer unmittelbaren Einheit von „Volk“ und Führung wurde „Volkskanzler“ 2024 zum österreichischen Unwort des Jahres gewählt. Der Begriff verdeutlicht, wie autoritäre Sprachmuster über Jahrzehnte hinweg fortwirken, ihre Form verändern und in neuen politischen Kontexten erneut anschlussfähig werden können.
1933
“Der Volkskanzler Hitler”
Die NS-Propaganda benutzte die Bezeichnung hauptsächlich im Jahr 1933, immer im Zusammenhang mit Adolf Hitler. “Volkskanzler” war in Reden des Propagandaministers Joseph Goebbels zu hören, ebenso auf Plakaten zu finden, wie auch im “Völkischen Beobachter”, dem Zentralorgan der Nationalsozialisten. In der Ausgabe vom 15. Dezember 1933 ist etwa zu lesen: “Es ist ein schönes Zeichen des überwältigenden Vertrauens, das der deutsche Volkskanzler genießt, dass Behörden und Private ihre Briefpost fast allgemein mit dem Hitlergruß schließen, aber das darf nicht unterschiedslos geschehen! Eine Kündigung, noch dazu vor Weihnachten, kann man jedenfalls nicht im Namen des Führers aussprechen!”
Auch in österreichischen Zeitungen wurde vom “Volkskanzler Hitler” geschrieben, das Wording der Nazi-Propaganda übernommen. Etwa in einem Artikel der “Innsbrucker Nachrichten” vom 14. Juli 1933. In jenen Tagen wurde auch der autoritär regierende österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß in Artikeln so bezeichnet.
Auch in österreichischen Zeitungen wurde vom „Volkskanzler Hitler“ geschrieben, das Wording der Nazi-Propaganda übernommen. Etwa in einem Artikel der Innsbrucker Nachrichten vom 14. Juli 1933.

Volkskanzler
– Selbstbezeichnung Herbert Kickls für den Fall, dass er der nächste Bundeskanzler wird.
Im Duden des Jahres 1941 ist unter „Volkskanzler“ zu lesen: „Bezeichnung für Hitler zum Ausdruck der Verbundenheit zwischen Volk und Führer“. Zum Unwort des Jahres 2024 wird “Volkskanzler” durch den Rückgriff auf vergessen geglaubte Nazi-Terminologie, die Kickl quasi zum (neuen) Führer und die österreichische Bevölkerung zu seinem Volk stilisieren soll.
QUelle: Oewort. Das österreichische unwort des jahres: 2024